Von Mensch zu Mensch

Hirtenwort 2026 von Bischof Dr. Michael Gerber: Kirche als Beziehung

Logo Bistum Fulda mit Kreuz, zwei Hände gegenuber und eine Glöcke

Liebe Schwestern und Brüder,

zum Beginn der Fastenzeit grüße ich Sie von Herzen. In den zurückliegenden Monaten meiner Erkrankung haben mich sehr viele Genesungswünsche und Gebetszusagen erreicht. Dafür bin ich Ihnen zutiefst dankbar.

Viele Menschen machen angesichts einer solchen Krankheit oder vergleichbarer Herausforderungen ganz andere Erfahrungen. Sie erleben sich als allein gelassen. Sie warten oft sehr lange auf einen wichtigen Termin oder kommen in große wirtschaftliche Schwierigkeiten. Was mich in diesem Zusammenhang in den vergangenen Monaten bewegt hat, will ich heute mit Ihnen teilen. Ich glaube, dass es hier um Fragen geht, die für die Zukunft unserer Gesellschaft und auch unserer Kirche von Bedeutung sind.

Wenige Tage vor meiner Operation konnte ich Ende Juni an einem Studientag mit 25 jungen Menschen teilnehmen. Sie kamen aus unterschiedlichen Regionen unseres Bistums. Manche sind seit ihrer Kindheit in einer unserer Gemeinden beheimatet. Andere wurden erst vor kurzem getauft. Doch sie alle verbindet die Erfahrung, in den vergangenen Jahren tiefer zum katholischen Glauben gefunden zu haben.

Unsere Frage an diesem Tag lautete: Wo und wie verweisen uns die Erfahrungen dieser jungen Erwachsenen darauf, wie eine nächste Generation heute zum Glauben finden kann? Nachhaltig hat mich beeindruckt, wie mehrere unserer Gesprächspartner eigene und sehr existenzielle Krisenerfahrungen geschildert haben. Auf je eigene Weise haben sie allerdings erlebt, dass da jemand ist, der mit ihnen diese Krisensituation durchsteht, dem sie sich mitteilen können, der mit ihnen zusammen ihre Ängste und Nöte aushält. Diese Beziehung von Mensch zu Mensch hat den Weg durch die Krise entscheidend geprägt. Mit der Zeit entdeckten diese jungen Erwachsenen, dass für die Person, die sie begleitet hat, der christliche Glaube eine wichtige Kraftquelle ist. Dadurch bekamen sie selbst einen tieferen Zugang zum Glauben.

Für mich war dieser Studientag ein echtes Hoffnungszeichen: Ja, in unseren Tagen, in unserem Bistum finden junge Menschen zum Glauben und sie sind in der Lage, davon Zeugnis zu geben. Das hat mir selbst Kraft gegeben angesichts meiner Erkrankung.

Wenige Tage später wurde mein Tumor operiert. Der Termin war ohne mein Zutun auf den 2. Juli festgelegt worden. An diesem Tag feiert die Kirche das Fest Mariae Heimsuchung. Für mich war dieses Datum kein Zufall. Ich glaube, dass mir Gott mit diesem Datum eine Botschaft geschenkt hat: „Ich bin bei dir. Wie einst Maria mit Jesus zu Elisabeth kam, so komme ich heute zu dir.“ In den Tagen nach meiner Operation habe ich das Evangelium vom Besuch der Mutter Jesu bei Elisabeth deshalb wiederholt betrachtet.

Beide Frauen sind existenziell herausgefordert. Elisabeth, die lange Zeit Unfruchtbare, wird unvermittelt schwanger. Aufgrund ihres Alters würden wir heute von einer Risikoschwangerschaft sprechen. Zugleich muss sie erleben, dass ihr Ehemann Zacharias verstummt ist. Mit wem kann Elisabeth ihre Gedanken und Gefühle teilen? Unfruchtbarkeit, Gesundheitsrisiko, ein fehlendes Gegenüber für den Austausch: So betrachtet spiegeln sich in Elisabeth viele krisenhafte Erfahrungen von Menschen unserer Tage.

In dieser Situation kommt Maria aus Nazareth zu Besuch. Sowohl im wörtlichen wie im übertragenen Sinne hat sie einen Gang durchs Gebirge hinter sich. Sie selbst hatte Mühe, die Botschaft des Engels zu verstehen. Nun muss sie erleben, dass ihre Umgebung das noch weniger versteht. Josef, ihr Verlobter, will sich von ihr trennen. Im Bild gesprochen: Diese Baustelle ist dem Handwerker Josef eine Nummer zu groß. Doch das war nicht nur damals so. Solche Erfahrungen machen Menschen oft, wenn sie in eine Krise geraten sind, etwa als Trauernde, ernsthaft Erkrankte oder ungewollt Schwangere. Die Umgebung verstummt oder ist mit der Situation völlig überfordert.

Was hingegen prägt die Begegnung von Maria und Elisabeth? Beide erfahren in ihrem Gegenüber: Die Frau, die mir da begegnet, ist selbst mit ihren Grenzen konfrontiert. Und trotzdem – oder gerade deshalb – ist sie ganz geöffnet für das, was mich in diesem Moment bewegt. Diese Art von Begegnung verändert: Neues Leben regt sich. Elisabeth spürt das Kind in ihrem Leib. „Wer bin ich?“ – so fragt sie in diesem Moment. Elisabeth ringt um eine Antwort. Schließlich mündet ihre Begegnung mit Maria in einem Glaubenszeugnis. „Und selig, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ.“ Wer bin ich? Ich bin die, der Gott neues Leben und damit eine Zukunft schenkt.

Bei meinem Meditieren über diese Schriftstelle fiel mir auf: Was uns im ersten Kapitel des Lukasevangeliums geschildert wird, hat eine Parallele in der Begebenheit, die wir im letzten Kapitel finden. Mit den beiden Jüngern auf dem Weg nach Emmaus begegnen uns wiederum zwei Menschen in einer tiefen Krise. Sie kommen miteinander ins Gespräch. Unvermittelt öffnen sie so auch dem zunächst unbekannten Weggefährten ihr Herz. Was sie miteinander erleben, können sie später deuten als die Gegenwart des Auferstandenen. Diese Begegnung hat ihren Weg verändert. Ihr Herz brennt.

Wenn ich heute auf die zurückliegenden Monate schaue, dann kann ich sagen: Viele von Ihnen haben einen entscheidenden Anteil an meinem Genesungsprozess. Sie haben mich mitgetragen im Gebet. Eine sehr große Zahl von Briefen, E-Mails und SMS hat mich erreicht. Darin erzählen die Absender oft in sehr persönlichen Worten, wie sie auf ihre Weise meinen Weg begleitet haben. „Im Bund mit dir“ – diesen meinen Wahlspruch haben sie so auf eine Weise gelebt, die mich sehr bewegt.

Hier habe ich eine Form von Kirche erlebt, die in die Zukunft weist. Es ist eine Kirche, die in der Beziehung von Mensch zu Mensch und von Herz zu Herz lebt. Denn bei vielen dieser Kontakte durfte ich erleben: Da erreicht mich ein Gruß, eine Ermutigung von einem Menschen, der selbst mit existenziellen Herausforderungen konfrontiert ist. Es berührt mich nachhaltig, was mir in solchen Briefen und Nachrichten anvertraut wurde. Bei dieser von einem großen Feingefühl geprägten Art der Kommunikation durfte ich erleben: Wir helfen einander, einen Schritt weiterzukommen auf unserem steinigen Weg. Was ich hier erlebt habe, hat mich an die Begegnung von Maria und Elisabeth erinnert.

Maria und Elisabeth | auf dem Kaselstab in Kreuzform eines mittelalterlichen Messgewands, mittelrheinisch, um 1470, Dommuseum Fulda, (c) Bistum Fulda, Foto: Marcel Schawe

In mir ist die Überzeugung gewachsen: Für diese Form von Kirche will ich mich als Ihr Bischof einsetzen mit all den Kräften, die mir zur Verfügung stehen. Schließlich gründet unser Glaube in dem, der sich am Kreuz zutiefst hat verwunden lassen. Wo Jesus in den österlichen Erscheinungen seine Wunden zeigt, stiftet er eine neue und tiefe Form von Gemeinschaft. Menschen mit ihren Brüchen tragen und ertragen sich gegenseitig und finden im Horizont von Ostern eine Perspektive für ihr Leben. Was wir im Lukasevangelium lesen, spiegelt wesentliche Erfahrungen der ersten Christengemeinden und zeigt uns auf, in welche Dynamik uns der Auferstandene heute führen will.

Gerade angesichts der vielen Krisen verstehe ich diese vor uns liegende Fastenzeit als Einladung. Oft sehr unvermittelt gibt es diese Momente, wo Menschen – vielleicht ganz leise und verhalten – uns etwas anvertrauen wollen, was sie sehr bewegt. Sagen wir innerlich: Ja, jetzt ist diese Begegnung dran. Anderes kann warten. Hören wir dann einfach nur zu. So können wir aufmerksam werden für mögliche Verletzungen und Brüche bei unserem Gegenüber und bei uns selbst. Widerstehen wir dem Impuls, gleich eine Antwort, eine Lösung zu finden. Sondern halten wir geduldig die Spannung aus, die entstehen kann, wenn ein Mensch eine existenziellere Krisensituation erfährt. Das habe ich in den Monaten der Krankheit als sehr heilsam erlebt. Da hört mir jemand zu und widersteht dem Impuls, gleich die große Erklärung zu präsentieren. Da hält jemand mit mir einfach die Spannung aus.

Denn so verstehe ich die Schilderungen im Lukasevangelium: Seid geduldig und wartet, wo sich in eurem Gegenüber, wo sich in euch, wie einst bei Elisabeth, neues Leben regt, ja zu hüpfen beginnt. Glaubt, dass sich im geduldigen Hören auf die leidvollen Erfahrungen meines Gegenübers Gott zeigen kann, wie dies auf dem Weg nach Emmaus geschah. Mit diesen euren Erfahrungen werdet ihr schließlich euren Glauben noch einmal neu buchstabieren, wie es die beiden Jünger bei ihrer Rückkehr nach Jerusalem tun. Auch das Magnifikat der Gottesmutter zeugt davon. Es ist gewoben ganz aus der Tradition des Volkes Gottes und zugleich aus der ureigensten existenziellen Erfahrung der ersten Zeuginnen und Zeugen Jesu.

Auferstandener in Dommuseum Fulda

Es mag etwas seltsam klingen: Ich möchte die vergangenen Monate in meinem Leben nicht missen. Gott hat sich mir in dieser Zeit gezeigt als derjenige, der in herausfordernden Situationen Beziehung schafft. Menschen mit all ihren Brüchen finden tiefer zueinander. Diese Gotteserfahrung gibt uns das Entscheidende für unseren Weg gerade jetzt. Suchen wir nach diesem Gott, der in der Begegnung von Menschen mit ihren Grenzen, in der Begegnung von Herz zu Herz Neues schafft. Die Suche nach diesem Gott lohnt sich. Denn das ist mein Glaube und meine Erfahrung: Dieser Gott will sich finden lassen, gerade heute, hier und ganz konkret.

So segne Sie in diesen Wochen auf Ostern hin der + Vater und der + Sohn und der + Heilige Geist. Amen.
Fulda, am 2. Februar 2026, dem Fest der Darstellung des Herrn

 

Dr. Michael Gerber
Bischof von Fulda